„Aber warum bekomme ich jetzt nicht das Medikament, das ich sonst immer bekomme?“
Diese Frage höre ich fast täglich in meiner Apotheke. Und sie ist absolut berechtigt. Die Antwort hat viel mit Rabattverträgen zu tun – einem System, das eigentlich Kosten senken soll, aber immer häufiger zu handfesten Problemen führt.
Wie funktionieren Rabattverträge?
Krankenkassen schließen sogenannte Rabattverträge mit einzelnen Herstellern ab. Diese verpflichten sich, ein bestimmtes Medikament zu besonders günstigen Konditionen zu liefern. Im Gegenzug dürfen wir in der Apotheke – soweit möglich – nur dieses rabattierte Präparat abgeben. Das spart Geld im Gesundheitssystem. Klingt erstmal vernünftig, oder?
Was passiert, wenn der Rabattpartner nicht liefern kann?
Das Problem: Für viele Medikamente gibt es nur einen einzigen Rabattpartner.
Wenn dieser ausfällt – etwa wegen Produktionsproblemen, Lieferverzögerungen, Rohstoffengpässen oder weil er gar nicht die Kapazitäten hat, den Markt ausreichend zu versorgen –, dürfen wir nicht einfach auf ein anderes Präparat ausweichen, selbst wenn es medizinisch gleichwertig wäre und verfügbar ist.
Stattdessen müssen wir nach Alternativen suchen, Rücksprache mit Ärzt*innen halten oder im schlimmsten Fall Patient*innen vertrösten.
Für Patient*innen bedeutet das: Wartezeiten, Rückfragen, Unsicherheit.
Für uns in der Apotheke: mehr Aufwand, mehr Frust – und das tägliche Gefühl, nicht so helfen zu können, wie wir eigentlich möchten.
Warum Rabattverträge Lieferengpässe begünstigen
Ein wesentlicher Grund für die wachsende Zahl an Lieferengpässen liegt direkt im System der Rabattverträge. Der Hersteller, der den Zuschlag bekommt, muss möglichst günstig liefern – sonst lohnt sich der Vertrag für ihn nicht.
Da an Verpackung und Produktion kaum gespart werden kann, bleibt oft nur ein Weg: der Einkaufspreis des Wirkstoffs.
Und dieser wird meist in Asien produziert – insbesondere in Indien und China.
Wenn dort die Preise steigen, Lieferprobleme auftreten oder andere Länder bereit sind, mehr zu zahlen, geht der Wirkstoff nicht nach Deutschland, sondern in lukrativere Märkte. Denn mit unseren durch Rabattverträge gedrückten Preisen ist der deutsche Markt immer weniger attraktiv.
Ein Beispiel für das Dilemma
So kommt es zu paradoxen Situationen:
Ein Medikament ist weltweit verfügbar, aber nicht in Deutschland – einfach, weil sich die Lieferung für den Hersteller wirtschaftlich nicht lohnt.
Und was lernen wir daraus?
Natürlich muss unser Gesundheitssystem wirtschaftlich arbeiten.
Aber: Was nützt ein günstiges Medikament, wenn es nicht verfügbar ist?
Wer beim Preis nur aufs Sparen schaut, riskiert, dass es am Ende nichts mehr zu sparen gibt – weil das Medikament schlicht fehlt.
Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um zu klagen – sondern um aufzuklären.
Wir in den Apotheken tun jeden Tag unser Möglichstes, um Patientinnen und Patienten gut zu versorgen – auch dann, wenn Lieferprobleme, Bürokratie und systemische Hürden uns Steine in den Weg legen.
Es ist mir wichtig, dass Sie verstehen:
Wir sehen Ihre Sorgen, wir hören Ihre Fragen – und wir kämpfen täglich dafür, Lösungen zu finden.
Lieferengpässe sind kein Zufall, sondern oft die Folge politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen.
Vielleicht ist es an der Zeit, wieder mehr in Versorgungssicherheit zu investieren – und weniger in kurzfristige Einsparungen. Denn am Ende geht es um Ihre Gesundheit.
Bleiben Sie kritisch. Bleiben Sie informiert. Und vor allem:
Bleiben Sie mit Ihrer Apotheke im Gespräch. Wir sind für Sie da.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag – und bleiben Sie gesund.
Herzliche Grüße
Ihr
Johannes Eimer